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Wagemut 2 , Leseprobe Wagemut 2 , Leseprobe Wenn ich was zu sagen hätte   Wagemut 8    Keiner schaut   Wagemut 2 , Leseprobe   Raureif
 
 
Wagemut 2
Die Bahnsteige waren nicht besonders voll am frühen Nachmittag. Nur einige wenige warteten mit ihr auf den Zug. Eine Frau mit einer Plastiktüte von Aldi, zwei Kinder, die mit ihren Turnbeuteln versuchten sich gegenseitig an die Beine zu schlagen und dabei lachten und spaßten, ein Mann mit brauner Aktentasche und zwei, die rauchend beieinander standen und über Kopfhörer dumpfe, stampfende Musik hörten. Die Stimme aus dem Lautsprecher bat darum von der Bahnsteigkante zurück zu treten, da brausten die Wagen schon an ihr vorbei und die Bremsen quietschten. Sie brauchte beide Hände die zwei Schiebetüren auseinander zu drücken. Sie zögerte nicht einzusteigen, doch ihre Bewegungen erschienen ihr unendlich langsam. Als sie ihren rechten Fuß anhob und auf das graue PVC setzte, hörte sie schon das „zurück bleiben“ des Lautsprechers und zog den linken schnell hinterher. Die Türen schlossen sich nach einem kurzen schurrenden Geräusch mit einem lauten Knall. Gerade noch geschafft, stellte sie fest, und die Angst lief ihr den Rücken hoch. Sie fragte sich, ob sie in die richtige Richtung fuhr. Die Sitzplätze waren kaum besetzt, sie blieb aber trotzdem neben der Tür stehen, entgegen der Fahrtrichtung, angelehnt an die hohe Lehnenwand der Sitzreihe in lindgrün, die ihr im Rücken Schutz gab. Ihre rechte Hand hielt sich am kalten kantigen Griff der Tür fest.
 
Ihr Blick flog mit der vorbeiziehenden Stadtlandschaft zurück. Aber eigentlich, dachte sie, flog die herannahende Zukunft, durch die blitzschnelle Gegenwart, hinein in die zurückgelassene Vergangenheit. Denn später, am Abend, würde sie pünktlich mit dem 20.16 Uhr Zug zu ihr zurückkehren, stellte sie fest. Sie spürte, dass die Vergangenheit wohl jede Zukunft verschlingen könnte, dabei zog sie am Griff und die Tür öffnete sich leise, fast geräuschlos, nur der Fahrtwind stieb hinein und das Rattern der Räder auf den Gleisen und ihr Quietschen, wenn eine Weiche kam. Sie konnte nun frei nach draußen sehen, ohne durch die verschmutzen Scheiben der Tür im Blick behindert zu sein. Kühle Luft strömte an ihrer Wange vorbei, als sie den Kopf ein wenig nach rechts neigte. Die Tür stand in ganzer Breite offen, die anderen Fahrgäste nahmen nicht weiter Notiz davon, es war warm und ein bisschen stickig im Wagon, der Luftzug eine willkommene Abkühlung. Ihre Gedanken flogen so schnell wie die Bäume am Bahndamm, nur für Sekundenbruchteile waren sie zu erfassen, wenn man ihnen mit den Augen folgte, sonst entstand nur ein huschender Film, dessen einzelne Szenen im Schattengrün untertauchten. Sie ließ den Griff los…
 

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